Vergleich von Festungsstädten
Die Festungsstädte Magdeburg und Ulm – ein Vergleich
Vom 06. –. 08. Mai 2022 bot der Verein Freunde der Festung Magdeburg eine Fachexkursion zur Festungs- und Garnisonsstadt Ingolstadt an. In diesem Artikel soll beleuchtet werden, was Ingolstadt für den Verein so bedeutsam macht und was man in Magdeburg von Ingolstadt lernen kann. Beide Festungen haben grundsätzlich etwas gemein: Sie waren die wichtigsten Landesfestungen der jeweiligen Kurfürstentümer, nämlich Brandenburg bzw. Brandenburg-Preußen und Bayern und sind an breiten Flüssen gelegen: einerseits an der Elbe einerseits und andererseits an der Donau.
Beide Städte werden erstmals zeitgleich 805/806 urkundlich erwähnt. Sie waren zudem auf Grund ihrer Lage bedeutende Knotenpunkte im Handel. Beide Städte dehnten sich im Mittelalter aus und passten ihre Verteidigungsanlagen den jeweiligen neuen Bedingungen an. Magdeburg versäumte es im 17. Jahrhundert allerdings militärisch mit der Zeit zu gehen. Dies hatte zur Folge, dass das protestantische Magdeburg mit seinen nicht mehr zeitgemäßen Verteidigungsanlagen 1631 von Graf Johann T’serclaes Tilly, Heerführer der Katholischen Liga, belagert und am 20. Mai 1631 erstürmt und zerstört wurde. In die Geschichte ist dieses Ereignis unter dem Begriff „Magdeburgische Hochzeit“ eingegangen. Auch der Begriff „magdeburgisieren“ geht darauf zurück. Der Plan Gustavs II. Adolf, König von Schweden, Magdeburg zu entlasten, indem er den Abzug Tillys durch die Eroberung von Frankfurt an der Oder bewirken wollte, ging nicht auf. Gustav Adolfs Truppen konnten dafür Tilly am 15. März 1632 in der Schlacht bei Rain am Lech schwer verwunden. Am 30. April erlag Tilly in Ingolstadt seiner Verwundung. Gustav Adolfs Pferd, das man ihm im wahrsten Sinne des Wortes unter dem Hintern wegschoss, ist heute präpariert im Ingolstädter Stadtmuseum zu sehen. Gustav Adolf belagerte anschließend im April 1632 das katholische Ingolstadt, musste aber, auch auf Grund dessen starker Verteidigungsanlagen, nach wenigen Tagen die Belagerung abbrechen.
Ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde das nun brandenburgisch-preußisch gewordene Magdeburg als stärkste Festung des Landes ausgebaut. Etwa zur gleichen Zeit wurden auch die Festungsanlagen von Ingolstadt modernisiert. Bei beiden Festungen wurde das Bastionärprinzip angewandt. Einzelne Bastionen, durch weitere Festungswerke miteinander verbunden bildeten dabei den Wall. Ab 1800 wurden die Festungsanlagen in Ingolstadt auf Grundlage des
Waffenstillstands von Hohenlinden (1800) im 2. Koalitionskrieg (1799-1802) von den Franzosen geschleift. Die hochmittelalterlichen Befestigungsanlagen blieben von dieser Maßnahme verschont und sind noch heute zu großen Teilen erhalten. In Magdeburg wurden diese um 1870, wie auch die später angelegten Festungstore, beseitigt. Erst nach 1945 wurden noch vorhandene Reste, wie das Rondell Großer Gebhard / Bastion Clewe wieder freigelegt.
In Magdeburg, das sich 1806 den napoleonischen Truppen nahezu kampflos ergab, wurden dagegen die
Festungsanlagen in Stand gesetzt und neue Werke errichtet. Magdeburg wurde durch den Frieden von Tilsit (1807) zur französisch besetzten Grenzfestung des neu gegründeten Königreichs Westphalen. Nach einer monatelangen Belagerung wurde Magdeburg 1814 wieder eine preußische Festung.
Der Neubau von modernen Festungsanlagen nach dem neu-preußischen Polygonalsystem begann in Ingolstadt 1828. Als erste aufwendige Maßnahme wurde auf der gegenüberliegenden Donauseite der Brückenkopf völlig neu errichtet.
Von den Hochbauten sind die beiden Kanonentürme Baur und Triva, hervorzuheben. Diese erhielten bemerkenswerte Fassaden im Stil des Klassizismus. Bei der Errichtung der neuen Werke, die die Stadt umschlossen, begann man mit dem Bau mehrerer Kavaliere (Kavalier = erhöhte Geschützstellung). Mit Fertigstellung der sogenannten Unregelmäßigen Front im Südwesten der Festung war der Neubau 1846 abgeschlossen. 1852 wurden die Bauarbeiten eingestellt. In Magdeburg fanden in diesem Zeitraum keine vergleichbaren Baumaßnahmen statt. Die aus dem 18. Jahrhundert überkommenen Werke wurden zwar modernisiert, aber die beiden Bastionsgürtel blieben unverändert. Das trifft auch auf den zu Beginn des 18. Jahrhunderts errichteten ostelbischen Brückenkopf, die Friedrichstadt (Brückfeld) zu.
Im Deutschen Krieg von 1866 wurden dann um Magdeburg wie um Ingolstadt ein Fortgürtel errichtet. Die Entfernung der Ingolstädter Forts zur äußeren Enceinte der Stadtbefestigung war mit ca. 2 Kilometern etwa die gleiche wie in Magdeburg. In Magdeburg wurden die Forts nach Kriegsende weiter ausgebaut. Für Ingolstadt entschied das Bayrische Kriegsministerium 1872, die provisorisch angelegten Forts zu permanenten Werken auszubauen. Das betraf vorerst drei Forts. In Magdeburg begann man parallel zum Ausbau der Forts ab 1869 die Süd- und die Westfront der Festung niederzulegen und nach der neu-preußischer Festungsmanier einen neuen Hauptwall zu errichten. Dabei wurden Kavaliere geschaffen, die mit erdüberdeckten Kasematten bzw. Kasernenkasemattenkorps versehen waren. Jedem zweiten Kavalier war ein Ravelin, quasi eine fünfeckige Bastion, vorgelagert, von denen sich das Ravelin II teilweise erhalten hat. In den Hauptwall waren Straßen- und Eisenbahntore eingelassen. Im Gegensatz zu Ingolstadt wurde in Magdeburg die Eisenbahn in die Festung hineingeführt und in ihr ein Zentralbahnhof, der spätere Hauptbahnhof, errichtet.
1874 bis 1882 erfolgte der Bau des äußeren durch Zwischenwerke verstärkten Ingolstädter Fortgürtels. Seine weitere Verstärkung zog sich bis 1895 hin. Diese Forts hatten eine Entfernung von vier bis acht Kilometer zur Enceinte der Stadtbefestigung. In zwei Forts wurden sogar Grusonsche Panzerkuppeln eingebaut. In Magdeburg begann man zwar 1890 damit, die bestehenden Forts zum Teil zu modernisieren und einfache Zwischenwerke zwischen die Forts zu setzen, doch eine Planung für einen neuen, weiter außerhalb gelegenen Fortgürtel wurde nicht verfolgt. Es liegt lediglich ein Beleg dafür vor, dass erwogen wurde, in die bestehenden Forts Beobachtungskuppeln einzubauen. Der Gedanke Hartgusskuppeln, die ja schließlich in Magdeburg hergestellt wurden, zu verwenden, ist wohl nie verfolgt worden. Die Artillerie sollte fortan im Armierungsfall in ausgewiesenen Stellungen außerhalb der Forts Aufstellung finden.
Das Ende der Festung Magdeburg war 1890 vorauszusehen, da die Stadtumwallung abschnittsweise aufgegeben wurde. Am 23. Januar 1900 wurde der preußische Kabinettsbeschluss gefasst, die Festung aufzuheben. Den Status, Festung zu sein, verlor Magdeburg endgültig 1912/1913. Die Landesfestung Ingolstadt behielt ihren Festungsstatus bis 1937, wobei es schon 1904 zu ersten Abrissarbeiten an der sogenannten Unregelmäßigen Front kam. Nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages durfte Ingolstadt nach dem Ersten Weltkrieg nur noch eine Festung ohne Geschütze sein.
In Magdeburg nutzte man die Chance der Aufgabe des Walls zur Stadterweiterung im ehemaligen Rayon. Bereits in den 1920er Jahren beginnend war das Glacis zur Grünanlage gestaltet worden, die die Stadt im Süden, Westen und Norden umfasst. Der „Grüne Ring“ Magdeburgs ist schon seit längerem auf einige grüne Abschnitte reduziert worden. Weitere Verluste sind gegenwärtig zu erwarten. In Ingolstadt hatte man es geschfft, den Grünen Ring als einen die Altstadt umschließenden Park zu erhalten und zu entwickeln.
In Ingolstadt konnte ein großer Teil des Festungserbes einer sinnvollen Nutzung zugeführt werden. In Magdeburg dagegen verfallen die Anlagen, werden abgerissen oder bis zur Unkenntlichkeit umgestaltet. In Ingolstadt hat man Behörden, Schulen, Gaststätten, Gewerbebetriebe, Museen, eine Jugendherberge sowie Wohnungen in die Festungswerke einziehen lassen und dabei weitgehend ihrem Charakter Rechnung getragen. In Magdeburg erfolgte dagegen, etwa mit dem in der Südfront gelegenen Kavalier I, das Gegenteilige. Mit der Lukasklause, der Defensivkaserne Mark und dem Kavalier V mit den vorgelagerten Ravelin II gibt es jedoch auch in Magdeburg anerkennenswerte Projekte, die ihrem einstigen Charakter Rechnung tragen und die im erforderlichen Umfang die Wiederherstellung des einstigen Erscheinungsbildes anstreben.
Zum Tourismus ist zu sagen: In Ingolstadt kann man die Festung anhand eines beschilderten und mit Schautafeln ausgestatteten Festungsrundweges erkunden. Die Stadt bietet hierfür ein Faltblatt an, in dem der Rundweg abgebildet ist und seine Stationen erläutert werden. In Magdeburg hat der Heimatverein ein Faltblatt herausgebracht, auf dem das Gelände der Festung in einer einfachen Überlagerung dargestellt ist. Die wichtigsten noch existierenden Festungswerke sind markiert und namentlich genannt. In der Touristeninformation Magdeburg ist nur dieses Faltblatt erhältlich. Dagegen können in der Ingolstädter Touristinformation sogar mehrere Publikationen zur Festung erworben werden. Es darf jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass in den zurückliegenden Jahren das Stadtplanungsamt der Landeshauptstadt Magdeburg die Festung betreffende Schriften herausgab. Der Verein Freunde der Festung Magdeburg e.V. hatte sein Angebot an Festungsplänen bis zur Vereinsauflösung ständig vergrößert.
Zum Schluss des kleinen Vergleichs ist zu erwähnen, dass es für Interessierte recht einfach ist, im Internet nähere Informationen zur Festung Ingolstadt und seiner Werke zu erlangen. Zusätzlich existiert eine ausführliche, sogar interaktiv gestaltete Website, auf der man sich mit hervorragenden Überlagerungen einen Überblick über die verschiedenen Ausbaustufen der Festung verschaffen kann. Weiterführende Kommentierungen lassen leicht eine vertiefte Befassung zu. Über die Festung Magdeburg Informationen zu erhalten, ist vergleichsweise schwierig. Die Stadt informiert auf ihrer Website grob über die Festung und lediglich sechs zumeist an der Elbe gelegene Werke, die für sie eine touristische Bedeutung haben. Wenn man mehr über einzelne Festungswerke erfahren will, bleibt nur der Rückgriff auf Einträge Wikipedias.
Als Fazit dieses einfachen Vergleiches zweier ehemals bedeutender Festungsstädte lässt sich konstatieren, dass Ingolstadt in der Vergangenheit viel unternommen hat, um sein historisches Erbe zu bewahren und nutzbar zu machen. Magdeburg hingegen behandelte sein Erbe eher stiefmütterlich
und ist auf dem besten Weg seine noch ungehobenen Schätze zu verlieren, auch wenn hier durch die Arbeit des Sanierungsvereins Ravelin II und die Betriebsgesellschaft Kaserne Mark sowie mit der städtischen Teilnahme am EU-Projekt „Recapture the Fortress Cities“ zuletzt einige Schritte in die richtige Richtung eingeschlagen wurden.
Sascha Schmiedecke, 2022, aktualisiert im Oktober 2026
