Die Bedeutung und Entwicklung des Fortgürtels der Festung Magdeburg

Festung MD 1875
Der Fortgürtel der Festung Magdeburg wurde 1866 angelegt, bis 1873/74 ausgebaut und 1890/1892 zum Teil modernisiert und ergänzt. 1900 wurde die Festung aufgegeben und diese bis 1912 / 1913 rechtlich aufgehoben. Die Forts und die sie verbindenden Militärstraßen wurden an die Stadt Magdeburg, an Unternehmen und Institutionen veräußert, sofern sie nicht vorerst in Staats- oder Militäreigentum verblieben.
Konkrete Planungen zu einem Fortgürtel gehen bis zu Beginn der 1860er Jahre zurück. Im Zusammenhang mit dem Kabinettsbeschluss (A.K.O.) zum Um- und Neubau der Umwallung, die sich schließlich nur auf die Süd- und Nordwestfront beschränkte, wurde mit der A.K.O. vom 24. Nov. 1863 der Beschluss zur Ausarbeitung von Entwürfen für die Erweiterung der Festung durch detachierte Forts gefasst. Ab 1865 wurden dafür Vermessungsarbeiten durchgeführt. Der Deutsche Krieg von 1866 war der Anlass dafür, auf der Basis der A.K.O. vom 10. Mai 1866 einen Verteidigungsgürtel, bestehend aus 12 Forts in einer Entfernung von ca. 2000 bis 3000 m vom Stadtmittelpunkt gemessen, anzulegen. Außer der massiv auszuführenden Mitteltraverse (Hangar) wurden die Kasematten als Holzkonstruktion ausgeführt. Im Gegensatz zu anderenorts wurden sie nicht aufgelassen, sondern ihr Ausbau nach der Desarmierung bis 1873 fortgesetzt. Die Bauwerke wurden massiv ausgeführt. Der Ausgleich mit den Grundeigentümern wurde erst 1867 vorgenommen, denn 1866 war auf Eigentumsverhältnisse keine Rücksicht genommen worden. Bis 1874 wurden alle Forts mittels als Erdkabel verlegte Telegraphenleitungen an das Telegraphennetz mit der Festung verbunden. Ein Anschluss an die zentrale Trinkwasserversorgung beschränkte sich jedoch allein auf das Fort VI. Waren die Forts bis in die Mitte der 1870er Jahre nur über die vorhandenen Straßen und Wege mit einer unzureichenden Tragfähigkeit für Militärtransporte zu erreichen, so wurde eine die Forts im Süden und Westen verbindende Ringchaussee angelegt, von der Radialchausseen zu den Forts abgingen. Forts, die in der Nähe von bestehenden Chausseen, zum Teil Provinzialchausseen, waren über diese mit der Festung verbunden.
Die Forts entsprachen den Erfordernissen des Deutschen Krieges von 1866. Mit ihrem Ausbau wurde dieser Zustand konserviert, so dass sie bereits in der Mitte der 1870er Jahre militärtechnisch veraltet waren und nur noch den Wert einer permanenten Feldbefestigung für einen hinhaltenden Widerstand hatten. Mit der A.K.O. vom 08.Dezember 1886 wurde Magdeburg der Kategorie der Klasse der minder wichtigen Festungen zugeordnet und schrittweise mit der Aufgabe der Kernumwallung begonnen. Sie wurde im Wesentlichen bis 1891 vorgenommen. Damit Magdeburg gegen den Angriff einer Feldarmee hinhaltenden Widerstand leisten konnte, wurde der Fortgürtel zum Teil modernisiert und als permanente Werke, sogenannte Zwischenwerke errichtet.
1870 waren im Zuge der Armierung die Forts mit Gesch
ützen zu bestücken, was insofern wichtig war, da sich die Süd- und Westfront der Festungsumwallung im Umbau befand, also nur begrenzt verteidigungsfähig war. Bei einer erneuten Armierung wären die Forts durch einen sie verbindenden, im Zuge der Armierung aufzuwerfenden Graben miteinander verbunden worden. Zu diesem Zwecke wurden 1890-1891 Zwischenwerke errichtet. Sie sind im Falle von Magdeburg als von einem Wall- und Grabensystem umschlossene Mannschaftsunterkünfte errichtet worden. Desweitern wären temporäre Unterstände in die Grabenverbindung eingelassen worden. Neu gebaut wurde 1890-1891 das Fort VIII. 1892-1893 wurden die Forts IIa und X umgebaut. Die übrigen Forts blieben bis zur Aufhebung des Festungszwanges unverändert bestehen. Zu einer wesentlichen Veränderung der Situation kam es dadurch nicht. Mit Panzerkuppeln wurden die Forts nicht ausgestattet, obwohl das zumindest in Erwägung gezogen worden ist. Die Forts sanken zum Unter- und Bereitstellungsraum der Geschützbedienungen und der Grabenverteidigung herab.
Die Forts waren, sofern sie nicht die Elbe zu sperren hatten, nämlich die Forts IX und XII, auf Geländeerhebungen errichtet worden, um von ihrer erhöhten Lage aus, die Umgebung schützen zu können. Für nicht von diesen einsehbare Geländemulden wurde das Vorfeld erkundet und kartiert, um diese indirekt beschießen zu können.  Nach 1880 wurde von einer Positionierung der Artillerie auf den erhöhten Wallstellungen der Forts abgegangen und die Artillerie wäre in dafür vorgesehene Räumen zwischen den Forts zur Aufstellung gekommen. Wahrscheinlich sind die Geschützaufstellungsräume bis 1900 nicht baulich ausgestaltet worden.

Fort VI

Im  Zuge  des  Deutsch-Dänischen  Krieges  von  1864  wurde die   Festung   Magdeburg   durch   einen   Fortgürtel   ergänzt.   Diese  zuerst  als  Erdbauten  errichteten  Werke  wurden  bis  1873   durch   Ziegelbauten   ergänzt. Nach Aufhebung   der Festung 1912/13 wurde das Fort an die Stadt verkauft, die es in  den  1920er  Jahren einer sozialen  Nutzung  zuführte.  Ab  1927     war     es     einer     von     drei     Standorten     der     Waldschulbewegung     in     Magdeburg.     Hierfür     wurden     Baracken  und  Liegehallen  gebaut. Ab  1938  wurden  die  Kasematten zu Luftschutzzwecken teilweise umgebaut. Nach 1945  ging  das  Gelände  an  den Rat des Bezirkes über, der es für  die  Zivilverteidigung  bis  1990  nutzte  und  durch  weitere  Bauten  ergänzte.  Nach  1990  wurde  das  Gelände  wenige  Jahre  durch  die  Stadt  genutzt.  Heute  ist  der  größte  Teil  des  Geländes  ungenutzt  und  stark  überwachsen.  Spuren  einer  Beräumung  durch  die  GISE  mbH  im  Jahr  2009  sind  heute  nicht mehr erkennbar.
Grundriss Fort VI
1 - Mitteltraverse
2 - Pulvermagazin I (Kriegspulvermagazin)
3 - Pulvermagazin II
4 - Speziallaboratorium I
5 - Speziallaboratorium II
6 - Saillantkasematte mit Poterne, Geschossraum u.                Geschossladestelle
7 - Latrine
8 - Pferdestall (abgerissen)
9 - Blockhaus in Holzbauweise (abgerissen)
10 - Saillantkaponiere (abgerissen)
11 - Kehlkaponiere (abgerissen)
12 - Schulterkaponieren (abgerissen)
13 - Hohltraversen (abgerissen)
14 - Trockengraben
15 - Grabenabfluss (zugeschüttet)
16 - Geschützstellungen
17 - Wall
Grundriss Fort VI, Archiv Uwe Elzholz, Bearbeitung Sascha Schmiedecke
Der Verein bemüht sich, dass das Fort einer neuen Nutzung zugeführt wird und erließ einen Aufruf zum Erwerb des Forts durch die Landeshauptstadt. Als am besten erhaltenes Fort der Festung Magdeburg steht es unter Denkmalschutz.
Luftbild Fort VI 1922, Stadtarchiv Magdeburg, Fotobestand Hochbauamt 11598
Das Fort     VI     befindet     sich     im     Nordwesten     Magdeburgs.  Es  grenzt  an  die  Lerchenwuhne  (51) und  ist  zum  größten Teil  von  Fuß-  und  Radwegen  umgeben. Im   Süden  begrenzt   der  Kleegraben   das Grundstück.
Überlagerung Nordwest/Neustädter Feld, OpenStreetMap,. Bearbeitung Sascha Schmiedecke
Lage Fort VI

Vereinsfreunde schaffen die Voraussetzungen für die Dokumentation des denkmalgeschützten Fort VI

Für eine Dokumentation des Forts VI, die das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie dem Verein in Auftrag gegeben hat, war das Zurückschneiden des Bewuchses eine wesentliche Voraussetzung. In den letzten zehn bis zwanzig Jahren war das Fort in weiten Teilen zur „grünen Hölle“ geworden. Insbesondere die Graben-Wall-Bereiche und das Glacis sind in dieser Zeit vollkommen zugewachsen.
Die Vereinsmitglieder wurden dazu aufgerufen, am 19. und 26. September, am 10. und 17. Oktober und am 14. und 21. November 2020 das Fort zu beräumen. Zu früheren Terminen konnte leider pandemiebedingt erst gar nicht eingeladen werden. Zwischen zwei und fünf Mitglieder folgten den Aufrufen an den genannten Tagen, sieht man davon ab, dass der Termin 26. September wegen schlechten Wetters abgesagt werden musste.
Dank des Engagements der beteiligten Festungsfreunde kann das Fort momentan wieder gefahrlos betreten werden. So konnte die Dokumentation beginnen! Alle Bauten, einschließlich der Geschützstellungen, wurden wieder sichtbar und zugänglich gemacht. Die Mitteltraverse ist zum überwiegenden Teil vom Bewuchs befreit. Auch die Wege sind teilweise wieder freigelegt worden. Auch wurde damit begonnen, die bei Stürmen umgestürzten Bäume zu zerlegen und zu entfernen. Inzwischen ist es sogar wieder möglich, den Innenhof des Forts mit Kraftfahrzeugen zu erreichen. Die Hoffnung, dass der Verein Führungen durchs Fort anbieten kann, was aufgrund seines aktuellen Zustands in weiten Teilen möglich ist, erfüllte sich auf Grund der Pandemie leider nicht. Dafür konnte der Verein Kontakte zu den Anrainern und Mietern auf dem Gelände knüpfen, wie z.B. zu der Wohngruppe „Mosaik“ des Jugendhilfeverbands Magdeburg und der Firma Garten- & Landschaftsbau Rüdiger Ulbricht. Im Moment pausieren pandemiebedingt die Arbeiten im Fort, Zu tun gibt es noch einiges! Daher ist beabsichtigt, im Frühjahr die Arbeiten fortzusetzen.                                                                          sas                                                                      

Die Verwendung von Eisenbahnschienen für Kasemattendecken der Forts der Festung Magdeburg um 1870

Bei laufenden Untersuchungen zum Fort VI wurde die Vermutung bestätigt, dass Eisenbahnschienen als Deckenträger der Kasemattenräume verwandt wurden. Im Deutschen Krieg von 1866 wurde mittels Allerhöchster Kabinett = Order (Kabinettsbeschluss vom 10 Mai 1866) befohlen, um Magdeburg Forts aufzuwerten und sie mit massiven „Hangars“ (Mitteltraversen) und holzgestützten Kasemattenräumen zu versehen. Es war höchste Eile geboten, Räume zum Schutz gegen Geschosseinschläge zu schaffen. Ein Angriff der Armee des Königreichs Hannover wurde befürchtet.
     In der Regel reichte zu dieser Zeit eine Mindesterdüberdeckung von Gewölbedecken mit einer Dicke von 2 m aus. War diese Höhe nicht zu gewährleisten, waren „bombensicherere Eisenträgerdecken“ erforderlich. Bei den durch die Wälle des Forts XII führenden Poternen (Tunnel) gibt es daher sowohl gewölbte als auch mit Eisenträgern überdeckte Abschnitte. Im Fort VI ist wahrscheinlich die Erdüberschüttung sowohl der Mitteltraverse wie auch der Saillantpoterne (stirnseitiger Tunnel) wahrscheinlich erst nach Kriegsende vorgenommen worden. Schließlich standen dafür Kriegsgefangene zur Verfügung. Eisenbahnschienen waren durch den zu dieser Zeit wieder boomenden Eisenbahnbau vorhanden. Ihre Verwendung bot sich an.
     Die Eisenbahngesellschaften verwandten für den Gleisbau unterschiedliche Schienenprofile. Sie hatten überwiegend eines bis heute gemein: eine Schienenfußbreite von 12,5 cm. Die Schienen wurden parallel zueinander verlegt, wobei der Abstand zueinander durch die Höhe der Erdüberdeckung bestimmt wurde. Stießen aus diesem Grunde die Schienenfüße nicht unmittelbar aneinander, so wurde der Abstand zwischen diesen durch quer aufgelegte Ziegel überbrückt. Damit war eine Schalung für den dazwischen und darüber aufgebrachten Beton bzw. Zementmörtel gegeben.
Basislager                                                                            
Vereinsmitglied Sascha Schmiedecke auf der Mitteltraverse
Foto:bp
Loftbild Fort VI